Horst Köhler besucht Warwick – Kritik & Ausbeutung

Na das ist doch mal eine Nachricht! Der Bundespräsident besuchte die größte deutsche Bassschmiede Warwick. Und zwar mit einer Mission – Lob für die Mitbestimmung der Mitarbieter.

Warwick als Ausbeuter?

Nun hagelt es aber nicht nur das dicke Lob – ganz im Gegenteil. Kritik kommt es aus allen Ecken! Die Gehälter seien nicht nur unverschämt niedrig, sondern sogar sittenwittrig schreibt Ulf Weigelt im Stern. 20 Urlaubstage bei einer 6 Tage-Woche und üblich sei es nur 10 – 15 zu nehmen.

Stefan Kademann von der IG Metall Zwickau dazu:

“Warwick hat verhindert, dass wir dort einen Betriebsrat gründen” [...] “Das ging sogar so weit, dass die ihre Mitarbeiter nicht rausgelassen haben, als wir vor dem Werkstor Flugblätter verteilt haben.”

Den ganzen Bericht gibt im Stern. Wer so etwas unterstützen will muss es wohl selber entscheiden! Traurig ist, dass vermutlich auch diese Firma argumentieren würde, dass die Kosten an den Endkunden – also uns – weitergegeben werden müsste, was die Existenz von Warwick gefärden würde. Ich glaube nicht, dass die Gewinnspanne soooo gering ist!

(danke an @bauhausmensch)

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28 Gedanken zu “Horst Köhler besucht Warwick – Kritik & Ausbeutung”

  1. Interessant, vor allem wenn man bedenkt, dass Warwick ja erst 1995 in die neuen Bundesländer umgezogen ist. Erhoffte man sich von dort von vornherein Hungerlöhne und das gute Karma eines Landstriches, der Instrumentenbau als Tradition betreibt? (Klingenthal mit Seydel ist gleich um die Ecke, jedem Harper ein Begriff.)

    Doch warum sollten wir uns beschweren? Solange Warwick die Leute nicht in Scharen davonrennen hat der Neoliberalismus funktioniert. Unternehmer sind heutzutage nicht mehr der Moral sondern nur noch dem Geld verpflichtet. Was den Profit maximiert, das wird gemacht, solange es nicht verboten ist und mit drastischen Strafen sanktioniert wird. Leider war schwarz-gelb nicht gerade die Wahlentscheidung, die diesem Wirtschaften diametral entgegen wirkt.

    Mit dem Wirtschaften von Warwick wird also wieder einmal dem Wille des Volkes genüge getan.

    Kaufen wir also lieber Fender USA? Der Unterschichten-Arbeitnehmer in den USA hat 10 Tage Urlaub.

  2. Erschreckend. Unsympathische Firma. Aber keine Bange, das kann jetzt der Markt regulieren, indem dort erst wieder Bässe gekauft werden, wenn die Leute ordentlich bezahlt werden.

    Kein Warwick Produkte für mich.

  3. @DrNI
    Wenn Du wüsstest, wie menschenverachtend und grausam es dort zugeht, welcher Druck dort herrscht und wie die Mitarbeiter dort kaputtgemacht werden, könntest Du Dir auch vorstellen, wie “kalt” Dein Kommentar auf einen ehemaligen Mitarbeiter wie mich wirkt.
    Ja, der Unterschichtenarbeiter in den USA bekommt 10 Tage Urlaub, diese 10 Tage bekommt er aber auch.
    Früher gab es bei Warwick noch weniger Urlaub und es war (ist?) Usus, dass einfach mal 3 Tage gestrichen werden (ein Kollege hatte mal einen Englandflug verpasst, ein anderer hat an seinem Dienstwagen die Felge kaputtgefahren, eine weitere Buchhaltungskollegin einen Fehler bei der Abrechnung gemacht…)
    Egal wie schlimm die ganzen Geschichten sind, die kursieren – die Realität ist viel schlimmer! Glaubt es oder nicht!

  4. Fragt sich nur, wie lange Warwick diese Machenschaften noch betreiben wird. Irgendwann wird sich wohl der Ruf dieser Firma herumgesprochen haben und die guten Leute eben einfach ausbleiben, spätestens wenn bei den Arbeitnehmern die Schmerzgrenze bei der Bezahlung erreicht ist. Obwohl, solche Ausbeuter wursteln sich immer irgendwie durch…

  5. Das läuft genau so schon seit 10 Jahren – und es hat dem Ruf der Firma weltweit bisher offenbar nicht geschadet. Bisher ist darüber ja auch kaum etwas öffentlich diskutiert worden. Dank Köhlers Besuch erfährt das Thema endlich die gebührende Aufmerksamkeit.
    H.P.Wilfer hat auf Image im Zielmarkt immer größten Wert gelegt, und dafür nimmt er auch gern viel Geld in die Hand. Aber Menschenführung und soziale Verantwortung für die Mitarbeiter sind für ihn sekundär. Vielleicht spricht sich das jetzt endlich auch mal weltweit rum.

  6. Ich bin hoch erfreut, in Bassistenkreisen eine Diskussion um die Arbeitsverhältnisse in der Musikinstrumentenbranche verfolgen zu können. Mich würde interessieren, welche Firmen hierzulande aber auch weltweit ordentliche Arbeitsbedingungen bietet. Als ich mir vor wenigen Wochen einen Rockbag (by Warwick) gekauft habe, wedelte mir eine Zettelchen aus der Tasche entgegen, das mich darüber informierte, dass die Tasche nicht von Kinderhand produziert wurde, und dass Arbeitsstandards eingehalten wurden. Das fand ich erst mal toll. In Frage gestellt wird so ein Eindruck natürlich von dem oben geschilderten Eindruck.

    Meine Anregung lautet: lasst uns Human Base Bässe kaufen! Siggi Jäger beutet sich selbst aus, und seine Bässe klingen auch noch besser.

  7. Ich werde mich nicht dazu hinreissen lassen hier Kaufempfehlungen auszusprechen. Aber auch Jens Ritter (Ritter-Basses) oder Bert Gerecht (Hot Wire) bauen sehr gute Instrumente im Kleinbetrieb.

    Mich würden eher die großen Kleinen wie Sandberg interessieren.

  8. @Pablo: Es ist klar, dass Warwick-Mitarbeiter das anders sehen und anders sehen müssen. Es ist mir auch klar, dass die ganze Geschichte schlimm ist.

    Was mir nicht klar ist, und deswegen mein fast schon zynischer Kommentar, das ist warum sich Bürger in Deutschland über solche Zustände empören und dann dennoch beim Urnengang sich so entscheiden, dass solche Zustände eigentlich weiterhin gefördert werden.

    So langsam wird es mal Zeit für einen Sozial-TÜV für Unternehmen. Müsste dann auf der Verpackung angegeben werden bei jedem Produkt. Schöne Utopie.

    Für uns als Basser heißt das: Sparen und bei den kleinen Manufakturen kaufen, wo noch der Chef persönlich schwitzt.

  9. Ich denke, es ist sowohl im Kleinen (auf die Firma Warwick bezogen) sowie im Großen (deutsche Politik und Politiker) auf der einen Seite mangelnde Information und auf der anderen Seite mangelndes Interesse, sich Informationen zu besorgen.
    Wer sich einen neuen Bass kauft, achtet auf Klang, Handling, Pickups, Tonhölzer, Optik, Preis etc. Ganz ehrlich: wer fragt sich denn, wo und wie der Bass gefertigt wurde? Ist vielleicht als Qualitätsmerkmal “Made in USA” noch interessant, aber wer macht sich denn Arbeiter und Arbeitsbedingungen bewusst? Ich kann das ja sogar nachvollziehen, bei mir ist es ja genauso, sei es , dass ich mir Sportartikel kaufe oder Haushaltswaren…
    Aber wenn einem dann etwas bewusst gemacht wird (wie jetzt bei Warwick) dann herrscht erstmal (für kurze Zeit) Betroffenheit. – und dann nach ein paar Tagen ist wieder alles beim alten…
    …genau wie für die Warwickarbeiter.

  10. Meine Güte, dieser Warwick-Blog ist ja unglaublich. Daß wir hier solche Arbeitsverhältnisse haben, war mir zwar nicht unbekannt (Walraff und die Brotfabrik u. v. m.), aber im Instrumentenbau hab ich das nicht erwartet; hab da noch irgendwelche zu idealistischen Vorstellungen gehabt. Wie offenbar auch Leute, die dort gearbeitet haben; aber die sind ja gründlichst kuriert. Was für ein Schweinestall…
    Zum Glück fand ich die Bässe (die ich kenne) schon immer so ausdruckslos: fetter Sound, aber “klinisch tot” (d. h. wenig Charakter usw.). Was für Kerwe-Festzelt-Tanzmucker ;-) Tja, bei dem Charakter des Herstellers… was soll man dazu sagen. Also – nehmt´s mir nicht übel – ich weiß: alles subjektiv und Geschmackssache, aber warum nicht trotzdem mal seine Meinung sagen?…). Obendrein Tropenholz ziemlich unklarer Herkunft, so viel ich weiß, na ja.
    Hoffentlich werden diese skandlösen Zustände bei W. noch viel bekannter – und gleichzeitig wünsche ich auch den dort in dem Gebiet ansässigen anderen, kleineren Betrieben mehr Zuspruch.

  11. Ich habe den Artikel gerade in der Printausgabe des Stern, der heute erschienen ist gelesen. Alter Schwede! Das sind miese Arbeitssituationen.

    Mal ehrlich: so ein Bass ist doch ein Instrument, das bei richtiger Behandlung eine Ewigkeit hält. Da könnte man schon ein- zweihundert Euro mehr für verlangen. Ich denke, es wird höchste Zeit, das Produkte wieder zu ihrem “wirklichen” Gegenwert verkauft werden.
    Richtig schlimm finde ich auch noch, dass die Mannschaft des Bundespräsidenten sich anscheinend überhaupt nicht informiert, wem sie da irgendwelche Preise angedeihen lässt.

  12. ….und ne Schande ist, dass die komplette deutsche Fachpresse, Soundchek, Gitarre&Bass, akustik Gitarre und Gitarre keine Silbe dazu schreiben…aber zählt man die Warwick Anzeigen weiß man wohl warum…..

    Unsere Band keine Produkte mehr aus diesem und den dazugehörenden Firmen!!!

  13. Bleibt nur die Frage offen, warum der Bundespräsident das Unternehmen vorbildlich nennt, und Warwick seit 2009 gegen den Stern klagt und schon einen Vergleich erwirkt hat!

    Wer glaubt das Bundespräsidialamt prüft solche Auszeichnungen niht muss NAIV sein.

    Man muss nicht alles glauben was in der Zeitung steht.

    Da waren größere Mächte am Werk die Köhler gehen sehen wollten, Pech das das Los auf Warwick fiel. Die Musikinstrumente-Branche boomt sei Jahren da kann sich jeder schnell einen neuen Job suchen, das tun aber wohl die meisten Mitarbeiter von Warwick nicht. Sonst hätte die Firma ein Problem.

    Den Gewerkschaften passt so ein Thema in den Kram.
    Wie wäre es das die Mitarbeiter von Warwick einfach keinen Betriebsrat wählen wollen, weil es gut läuft in der Firma.

    Apropos der Stern hat den Artikel nach Klage schon etwas abgemildert, huch wie kommt das nur???

  14. @Andreas
    das kann nur einer schreiben, der entweder überhaupt keine Ahnung hat, wie es da zugeht – oder der von Warwick dafür bezahlt wird, das zu schreiben.
    Ich weiß, wovon ich rede!
    Und ich habe erst kürzlich mit einem Mitarbeiter dort telefoniert. Es hat sich (bis auf eine Stundenlohnerhöhung im Cent-Bereich für manche Arbeiter) nix getan, und die Bedingungen, der Druck und die Arbeitsatmosphäre dort ist genauso menschenunwürdig wie vorher.
    Andreas, bevor Du sowas schreibst, mach Dir bitte klar, dass so etwas ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht der Leute dort ist!

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